#public_life

Den Reader “#public_life – Digitale Intimität, die Privatsphäre und das Netz” habe ich mir von der Heinrich Böll Stiftung [1] zuschicken lassen. Das kostet bis auf eine kleine Versandpauschale von 1,50€ nichts.

Exkurs: Tote Bäume

Zuerst einmal möchte ich noch kurz etwas ansprechen, was mit dem Inhaltlichen nichts zu tun hat. Grundsätzlich fragte ich mich erst einmal, wieso ich den Reader denn überhaupt in Papierform brauche? Man kann doch heutzutage dank iPad alles auch einfach als PDF aus dem Netz laden. Das ist natürlich richtig. Das Problem liegt aber darin, dass man als Student beim Lesen immer darauf angewiesen ist sich Notizen machen zu können und irgendwelche Merkzettel in das Buch einzukleben. Man ist deshalb darauf angewiesen, weil man über die Zeit so einiges ließt. Wenn man mal wieder etwas hervorholt, weil man denkt es könnte einem irgendwie nützlich sein weiß man möglicherweise schon gar nicht mehr, was man da eigentlich gelesen hat. Um dem Vorzubeugen macht man sich Notizen und Merkzettel. Man könnte auch wichtige Kapitel einfach durchexzerpieren, darauf habe ich aber nicht immer Lust und es ist auch meistens gar nicht notwendig.

Bis heute gibt es aber keine Software die es mir irgendwie ermöglicht Textstellen zu markieren. Mit Instapaper lese ich Texte aus dem Internet. Ich habe dort aber keine Möglichkeiten irgendwie selbst meine Gedanken zu dem Text aufzuschreiben. Die iBooks App von Apple kann Textstellen markieren und man kann Notizen machen, was ja wirklich vorbildlich ist. Aber das funktioniert nur mit Texten im ePub-Format. Bei PDFs oder beliebigen Texten aus dem Internet steht man als Student irgendwie immer noch dumm da. Von daher wird sich wohl so schnell nichts daran ändern, dass Bücher nach wie vor in der Papierversion gekauft werden müssen.

Public Life

Doch nun zum Reader #public_life. Der Reader sammelt viele Texte die sowohl online als auch offline in der näheren Vergangenheit zu Themen wie Privatsphäre, Öffentlichkeit, Trolle, Partizipation, Demokratietheorie, Revolutionen und ist damit Thematisch nicht so stark verengt wie ich es ursprünglich erwartet habe.

Zu den interessantesten Aufsätzen zählen die von Jan Schallabeck, Malte Sptiz, Ralf Bendrath & Stefanie Sifft, Francesca Schmidt, Michael Seemann und Konstantin von Notz & Nils Leopold. Die Reihenfolge ist übrigens völlig bedeutungslos.

Jan Schallabeck widmet sich der Grundfunktion des Datenschutzes. Er geht dabei auf die rechtliche Stellung des Datenschutzes im Grundgesetzt ein und auf das Urteil des BVerfG zur Vorratsdatenspeicherung. Seiner Auffassung nach befinden wir uns nicht zwangsläufig auf dem Weg in die nächste Gesellschaft also der Computergesellschaft. Wir müssen uns demnach nicht fatalistisch dem Überwachungsstaat ausliefern lassen.

Francesca Schmidt beschäftigt sich mit antifeministischem Trolltum und der Diskriminierung von Minderheiten im Internet.
Ihre These, dass sich Ungleichheiten durch das Internet nicht annähern oder gar komplett auflösen, sondern dass sie dort lediglich reproduziert werden würde ich eigentlich auch so unterschreiben. Auch erklärt sie Strategien zum Bekämpfen von Trollen (darüber schreibt sie nicht, aber sie meint bestimmt hatr.org [2]). Am Ende ihres Aufsatzes wünscht sie sich ein Netz, welches “frei von Geschlechterstereotypen, Homophobie und Rassismus ist”. Laut ihrer These würde dies ja aber voraussetzen, dass die Gesellschaft ebenso von diesen Drangsalen befreit ist, da die gesellschaftlichen Verhältnisse ja lediglich im Netz reproduziert werden.

Ein sehr interessanter Beitrag ist die Auseinandersetzung mit dem Begriff des Kontrollverlusts und der Filtersouveränität von Michael Seemann. Dieser Artikel ist bereits zuvor bei carta.info [3] erschienen und ordnet die beiden Begriffe und versucht mit deren Hilfe aktuelle Geschehnisse in der (Welt-)Politik erklärbar zu machen.

Ralf Bendrath und Stefanie Sifft räumen mit Mythen rund um die “Demokratisierungsmaschine” (Gegenbegriff ist die Demokratieverhunzungsmaschine) Internet auf. Sie erkennen an, dass das Netz als reine technische Einrichtung weder Demokratisierung fördern noch sie behindern kann. Es werden Bedingungen formuliert, mit denen das Internet liberalen und deliberativen Demokratietheorien nahe kommen kann. Darüber hinaus werden in einem Reality-Check überwiegend Defizite aber auch Chancen der Demokratie 2.0 dargelegt.

Malte Sptiz setzt sich ein wenig mit den revolutionären Bewegungen in Ägypten und Tunesien auseinander. Er spricht sich klar dafür aus um die Freiheit des Netzes zu kämpfen und bricht eine Lanze für den Netzausbau und die Netzneutralität. Ist diese nämlich erst einmal verloren gegangen, wird es wohl nahezu unmöglich sein wieder zu ihr zurückkehren zu können.

Der Grundtenor ist im Grunde häufig: Demokratischer Aufbruch darf nicht nur im Netz stattfinden, sondern muss nach wie vor ganz analog auf der Straße stattfinden. Technikdeterminismus, d.h. dass das Internet als technische Einrichtung irgendwelche normativen Auswirkungen hat, ist in jedem Falle die falsche Richtung!

Insgesamt ist das Heftchen recht lesenswert. Auch wenn man nicht unbedingt so sehr an der Privatsphäre vs. Öffentlichkeit Diskussion interessiert ist oder gerade dann, wenn einem dieses Spacko-Diskussionsniveau [4] zu diesem Thema doch ein wenig zu realitätsfern und unterkomplex erscheint.

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