Fake it

Es ist spät abends, die pdfs stapeln sich auf dem Schreibtisch und nach vier oder drei Gläsern billigem Weißwein ist es dann endlich soweit: Ich kann damit beginnen ein Motivationsschreiben aufzusetzen, worin ich meine langfristigen Ziele für die Zukunft darlegen muss. Um selbstbewusst niederzuschreiben, was man sein möchte, wohin man gehen will und was das ganze für einen Sinn hat oder zur eigenen Gegenwart passt, muss ich ein gewisses Maß an Enthemmung erreichen, sonst funktioniert es überhaupt nicht.

Zukunft ist für mich ein absolut opakes Konzept: Ich kann mir vieles vorstellen, zu vieles, um mich auf irgendetwas festlegen zu wollen. Sich festzulegen hieße auch, bereits jetzt damit zu beginnen an dieser Zukunft zu arbeiten, sich gegenwärtig im Hinblick auf eine mögliche Zukunft einzuschränken.

Fake it ’til you make it.

Zukunftspläne schmieden ist das Auswerfen mehrerer Anker in das kontrastlose Dunkelgrün dessen was einmal sein wird, was man aber ohnehin unmöglich vorhersehen kann in dem Glaube, irgendeiner wird irgendwo schon verfangen. Und wenn nicht, dann ist es auch nicht so schlimm. Ich bin leicht zufrieden zu stellen.

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Alles hat seinen Platz

Warum über ein Thema sehr viel, detailliert und ausgewogen, über ein anderes aber nur wenig, vielleicht nur einmal oder schlimmstenfalls gar nicht berichtet wird hat oft schrecklich banale Gründe: Die zuständigen Kolleg_innen sind krank, in Urlaub oder sind womöglich einfach gerade mit einem anderen Thema mehr beschäftigt, interessieren sich stärker für das Eine und weniger für das Andere, die Sendezeit ist zu knapp oder der Artikel hat zu viele/zu wenige Wörter. Journalismus wird – und das muss man sich vor allem bei Tageszeitungen und Nachrichtensendungen immer wieder in Erinnerung rufen – von Menschen gemacht, die Präferenzen haben, die an manchen Dingen mehr, an anderen weniger interessiert sind und die deshalb als Person immer in ihren Berichten und Texten anwesend und gleichzeitig abwesend sind.

Gerade die strenge Formatierung von Tageszeitungen versucht die Umstände unter denen sie entsteht zu konterkarieren. Es gibt tagesaktuelle Meldungen, Kolumnen, Meinungsartikel, Leserbriefe, Pressespiegel, Agenturmeldungen, Polizeiberichte, etc… Alles hat seinen festen Platz. Der meinungsbildende Kommentar ist strikt als solcher gekennzeichnet und abgetrennt vom objektiven Bericht, der selbst wiederum nichts als die Wirklichkeit repräsentiert. Auf der einen Seite tritt der_die Journalist_in klar als Person in Erscheinung, mit einer eigenen Ansicht, mit Präferenzen, mit einem Platz in einer Lebenswelt, den man meist ziemlich klar lokalisieren kann. Auf der anderen Seite verschwindet die Person hinter dem Artikel, der aussieht, als hätte ihn die Wirklichkeit so selbst geschrieben.

Dies ist eine wirksame Form der Inszenierung und Konstruktion einer massenmedialen Wirklichkeit. Diese Form des klaren Ordnens von Person und repräsentierter Realität hat eine lange Tradition und ist zu einer Sehgewohnheit geworden. Die Tageszeitung (oder Wochenzeitung, oder Nachrichtensendung) in dieser Form repräsentierte die Wirklichkeit und gab praktisch vor, welche Argumente zu einem bestimmten Thema vorhanden sind und von wem sie hervorgebracht werden. Sie strukturierte politische Diskurse und brachte sie in eine übersichtliche Form. Was in der Tageszeitung stand war sagbar, war der Stand der Dinge, war eine Repräsentation der Wirklichkeit.

Was hier natürlich immer verdeckt mitlief war, dass auch diese inszenierte Wirklichkeit von Menschen konstruiert wird, die in einer Struktur arbeiten, die diese Menschen hervorbringt. Jeder Bericht, jede Zeile und jedes Wort entsteht in Sachzwängen, in sozialen Zwängen oder wegen der Knappheit der Zeit. Der Faktor Mensch ist immer präsent. Die strikte Erscheinungsform der « Zeitung » war als solche dafür gemacht, diesen Faktor nicht zum verschwinden zu bringen, ihn aber zumindest zu kanalisieren. In dieser strengen Form hat alles seinen festen Platz, so auch die Meinung und das vermeintlich « Subjektive », das man sauber von dem « Objektiven » loslösen und nebeneinander stellen kann.

So wie man die Welt kannte: Realitätskonstrukteure bei der Arbeit

Die Welt wurde geordnet

Man ist mit diesem Glauben an das « Objektive » der Massenmedien, an die unhinterfragte Repräsentation der Welt aufgewachsen. Der politische Diskurs wurde vorstrukturiert und überschaubar gemacht. Das Internet hat nun diese Illusion zerstört: Es hat die Zahl der Argumente multipliziert und die Quantität der Beobachterperspektiven in die Höhe schnellen lassen. Man kann auf dem einen Auge die Beobachterperspektive des Journalismus sehen und nebenbei die möglicherweise inkongruente oder gar völlig inkommensurable Perspektive aus dem Netz herlaufen lassen. Durch das Netz wird die repräsentierte Wirklichkeit der Tageszeitung erst zu einer Beobachterperspektive unter vielen. Die Komplexität des politischen Diskurses schnellt in die Höhe.

Wer langsam in die massenmediale Welt des Internets hineingewachsen ist konnte immerhin versuchen Strategien zu entwickeln, dieser sich schnell entfaltenden Komplexität beizukommen und für sich zu kanalisieren, Graustufen zu erkennen und Differenzen stehen zu lassen; anzuerkennen, dass Zeitungen, ganz genauso wie ein Blog oder ein beliebiges Online-Medium von Menschen geschrieben werden; dass es nicht möglich ist, die reine Wahrheit zu repräsentieren, dass aber dennoch nicht alles « Lügenpresse » ist (vor allem dann nicht, wenn Online-Medien selbst dazu in der Lage sind das zu reflektieren). Sowohl die Rezipienten als auch die Produzenten konnten sich allmählich mit dem neu gewonnenen Chaos auseinandersetzen und lernen daraus Ordnung zu gewinnen.

Doch wer das Netz gerade erst entdeckt hat erleidet einen beispiellosen Schock. Mit voller Wucht prasseln Argumente, Perspektiven und Diskurse auf einen nieder. Der Netzdiskurs ist in voller Breite entwickelt, schlägt erbarmungslos zu und man hatte bisher keine Möglichkeit, sich irgendwie darauf einzurichten. Man ist überfordert und misstraut jedem, vor allem den « etablierten » Medien, die über Jahrzehnte der treue Begleiter waren, die Welt übersichtlich gehalten haben, was angesichts der Flut der inkongruenten Beobachterperspektiven, Zeichen und Symbole im Netz als untrügliches Zeichen des missbrauchten Vertrauens interpretiert werden muss. Innerhalb kürzester Zeit werden altbekannte Traditionen, Paradigmen und Glaubenssätze nicht zerstört, aber als solche erst erkennbar und benennbar. Auf diesen Schock mit unreflektierten Ausrufen wie « Lügenpresse » zu reagieren verwundert daher nur wenig, denn irgendwie muss das Entsetzen auf einen Begriff gebracht werden.

Auf all das komme ich wegen einer Situation, die mich kürzlich ziemlich geärgert hat: Ein Hochschuldozent im durchaus fortgeschrittenen Alter teilte uns Studenten überrascht seine neue Erkenntnis mit, dass « unsere Qualitätsmedien nicht so neutral sind » und womöglich « von Washington gesteuert sind ». Um dem beizukommen sollten wir doch lieber Online-Medien wie « Telepolis » lesen. Mich haben diese Aussagen einigermaßen schockiert, aber im Lichte des oben aufgeschriebenen ist es nicht überraschend, dass man zu solchen Schlüssen kommt und solche Sätze sagt. Die massenmediale Welt in der man aufgewachsen ist, in der man sich eingerichtet hat, die soweit erträglich und erwartbar ist, ist nicht mehr dieselbe. Es wird klar, dass sie nie das war für was man sie gehalten hatte. Man ist entsetzt, verunsichert, läuft den Verschwörungstheoretikern in die Arme und sagt selbst als Wissenschaftler Sätze, die hart an der Grenze des Ernstzunehmenden unsanft knirschend vorbeischrammen.

Quelle: Abbildung 1, Abbildung 2, PD-US

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Privates Fernsehen

Es eine ziemlich schlechte Angewohnheit von mir: Ich streife immer wieder, meist mindestens einmal die Woche, oft öfter, durch die dunklen Ecken des Internets und ergöze mich quasi am geistigen Elend anderer. Bestimmte Blogs, Facebook Seiten und natürlich Twitter bieten dazu genügend Material. Das Fernsehen bietet dies auch: In klar kalkulierten Produktionen erlaubt es dem Zuschauer, sich an den Unzulänglichkeiten anderer zu laben, denn man würde das ja selbst nie so machen, sich nicht so dumm anstellen und überhaupt. Den selben Effekt hat man, wenn man ein wenig liest, was unter dem Hashtag #Aufschrei passiert.

Was sich dort heute die meiste Zeit über abspielt hat natürlich nichts mehr damit zu tun, wofür der Hashtag im Januar 2013 einmal gedacht war: Erlebnisse von Frauen mit Alltagssexismus. Das Medienecho war damals riesig und wirkt auch bis heute nach. Der Hashtag wurde ziemlich schnell von einer kleinen aber recht lautstarken Gruppe Maskulisten gekapert, die möglicherweise, bauernschlau wie diese Leute nunmal so sind, dachten, sie könnten so einen Teil der Medienaufmerksamkeit auf sich ziehen. Bis heute ist das nicht gelungen und das ist ja auch gut so. Sie versuchen es aber bis heute. Zwei Jahre später.

Privatheit: Symbolbild

Symbolbild I: Anonyme Trolle blicken auf das Internet

Die immer kleiner werdende Gruppe unterhält sich unter diesem Hashtag weitgehend mit sich selbst, denkt aber, für eine breitere Öffentlichkeit zu sprechen (das kommt mir irgendwie bekannt vor?). Es sind immer die gleichen Leute, die immer ähnlich gestrickte Sprüche klopfen. Mit einer – für die Betroffenen leider äußerst unangenehmen – Obsession verfolgen sie jeden Schritt von Aktivist_innen auf Twitter, übergießen sie mit Spott und Hohn oder beleidigen sie einfach. Das alles nennen sie dann eine Debatte. Wenn ihrem substanzlosen Spott niemand zuhören möchte, dann sehen sie die Meinungsfreiheit in Gefahr. Man kennt das.

Dieses Siechtum im Internet beobachte ich nun schon seit einiger Zeit (ca. 1,5 Jahre) und ich denke, das ist viel zu lange. Am Anfang gab es da noch eine art wissenschaftliches Interesse und Neugierde, aber mittlerweile ist es zur schlechten Angewohnheit verkommen, die eigentlich keinen tieferen Sinn mehr hat, außer sich selbst vor dem Abbild der Schwächsten zu erhöhen. Niemand sollte so etwas nötig haben. Schluss damit!

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Vernarbtes Sehfeld

Dass technologischer Fortschritt automatisch und überproportional den Armen hilft, scheint im Silicon Valley ein feststehender Fakt zu sein. Venture Kapitalisten und alle, die geschäftlich am Erfolg dort interessiert sind glauben an die Geschichte, dass Technologie die Gesellschaft zum Positiven verändern kann und dass sie den Benachteiligten hilft, sich aus der Subalternität heraus zu kämpfen. Sie glauben das wirklich, denn es ist ihre persönliche Erfahrung.

Lange Zeit waren sie selbst die Verstoßenen und die, die ein eher unangesagtes, obskures und vielfach zu unrecht belächtelts Hobby pflegten. Sie waren die Außenseiter, gehörten nicht dazu und mussten ohne gesellschaftliche Anerkennung für ihre Leidenschaft auskommen. Und plötzlich schreiben wir das Jahr 2010 und diese Menschen sind wer. Sie dürfen sich als Speerspitze der Avantgarde bezeichnen. Das machen sie auch. Sie sind nun millionenschwer geworden, erfolgreiche Unternehmer und die treibenden Kräfte in einem schnell wachsenden Wirtschaftszweig. Sie haben Geld, Macht und Einfluss.

Die Entwicklung vom gesellschaftlich abgeschriebenen Underperformer, in einer ständigen Abwehrhaltung lebend hin zum Vordenker einer ganzen Generation geht nicht spurlos an der Person vorbei. Die zu wenig reflektierte Vergangenheit heilt nicht und vernarbt das Sehfeld, durch das hindurch die Gesellschaft beobachtet wird. Die Haltung des Gestern wird beibehalten, aber mit mächtigeren Mitteln ausgestattet. Gerade für marginalisierte Gruppen ist dies eine äußerst ungünstige Mischung.

Von allen unterdrückten Gruppen ist es nun eine geworden, die nicht mehr zu den Unterdrückten gehört und selbst zum Unterdrücker wird. Der Richtige weg vom ungeliebten Kellerkind zum reichen Millionär wäre gewesen, die unterdrückte Position zu verlassen und dabei peinlichst genau darauf zu achten, selbst nicht zum Unterdrücker zu werden. Dies gelingt nur, durch eine ständige kritische Selbstreflexion des eigenen Verhaltens.

Der Aufstieg zweier Personen

Als Gerhard Schröder 1998 Bundeskanzler wurde und am Zenith seiner Macht angekommen war wurde er selbst zum Unterdrücker. Aus einfachen Verhältnissen kommend hat sich Schröder hochgearbeitet. Vom Maurer, zum Bundeskanzler eines der größten Industrieländer der Welt. Aus einer subalternen Lage zur Kraftmeierei, Basta-Politik und Hartz IV – einer Reform die nur durch den biographischen Hintergrund vieler damals führender Sozialdemokraten in ganz Europa erklärt werden kann (vgl. Walter, Franz (2011): Vorwärts oder abwärts? Zur Transformation der Sozialdemokratie, S. 58ff.). Wer genug leistet, der kann es schaffen, lautet der Glaubenssatz. “Jeder ist seines Glückes Schmied.” Diese Mentalität hat die Sozialdemokratie – mindestens in Deutschland, wenn nicht in ganz Europa – zu Grunde gerichtet. Bis heute hat sie sich nicht davon erholt, die Menschen in Angst und Schrecken versetzt zu haben. Die Karriere von Schröder war zu steil. Vom einfachen Arbeiter, zu jemandem, der seines gleichen massiv verunsichert.

Die Erzählungen vom Aufstieg berichten nicht von einer Person, sondern von Zweien: Der einen, die man davor war, und der anderen, die man danach ist. Danach ist man nicht mehr in der Lage, die eigenen Glaubenssätze zu hinterfragen. Sie stimmen ja. Man hat es an der eigenen Person erlebt, die ein eindeutiges Zeugnis ablegt. Zugleich sollte man noch an die Person denken, die man davor war. Aber an sie kann man sich nicht mehr erinnern, beim besten Willen nicht.

 

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Seelisches Fernbild

extreme macro

Wie voraussetzungsreich und wie gleichzeitig folgenreich das Geld für die moderne Gesellschaft war und ist entzieht sich unserer Alltagswahrnehmung. Geld ist ein essentieller Bestandteil fast aller Lebensbereiche, muss verdient und ausgegeben werden. Es ist aber sehr lesenswert, was für atemberaubende gesellschaftliche Folgen das Geld hat und wie es nahezu alles, was wir heute erleben, wo wir leben und wie wir leben, wie wir arbeiten und wie wir genießen beeinflusst. Deshalb hier nun einige kleinere Notizen zu diesem umfangreichen Text “Die Philosophie des Geldes” von Georg Simmel.

Eigenschaftslosigkeit des Geldes

Erst durch das Geld werden alle Objekte relativ und können miteinander in Beziehung gesetzt werden. Nur im Vergleich kann ihnen überhaupt ein Wert zugeschrieben werden. Damit ein Objekt einen Wert hat darf es nicht zu viel aber gleichzeitig nicht zu wenig davon geben.

Das Geld selbst ist zwar auch ein Objekt, aber an sich völlig eigenschaftslos. Es ist ein reines Mittel, um einen bestimmten Zweck zu erlangen. Diese Eigenschaftslosigkeit überträgt sich mit der Zeit auf die Objekt die es vermittelt, so dass die Quantität immer mehr über die Qualität übergeht. Die Elemente beginnen “immer mehr ins Eigenschaftslose zu rücken” (Simmel 1989: 368). Qualitative Unterschiede werden quantitativ gemessen. Wer einen persönlichen Gegenstand verkauft, muss alle Erinnerungen daran verwerfen, denn der Gegenstand wird genauso eigenschaftslos wie der Preis, der sich nicht an dem Gegenstand und den an ihm haftenden Gefühlen bemisst, sondern an dem Verhältnis des Gegenstandes zu anderen Gegenständen. Der Gegenstand wird nun gemessen “als das Mehr oder Weniger, das Größer oder Kleiner, das Weiter oder Enger, das Häufiger oder Seltener jener an sich farblosen, eigentlich nur noch der numerischen Bestimmtheit zugänglichen Elemente und Bewusstheiten” (ebd.: 368).

Dies ist der Grund, wieso Geldgeschenke gerade in höheren Kreisen ungern gesehen werden. Diese Geschenke sind, wie das Geld, völlig eigenschaftslos und unpersönlich. Man schenkt ein reines Mittel, das an sich leer ist.

Die leere des Geldes führt dazu, dass es das einzige Objekt ist, in das der Mensch seinen puren Willen ungehindert hineinprojizieren kann und dass es ihm bedingungslos gehorcht. Andere Objekte begrenzen den freien Willen: “Die Freiheit meines Willens gegenüber einem Stück Holz, das ich besitze, geht freilich so weit, dass ich allerlei Geräte daraus schnitzen kann; aber sie erlahmt, sobald ich solche davon herstellen will, die die Biegsamkeit des Gummis oder die Härte des Steins verlangen” (ebd.: 435). Das Holz ermöglicht Freiheiten, in dem es sie gleichzeitig einschränkt. “Nur in dem ein Objekt etwas für sich ist, kann es etwas für uns sein” (ebd.: 437). Das Geld ist “für sich” nichts. Es ist selbst eigenschaftslos und leer. “Es (das Geld) ist mehr für uns, als irgend ein Besitzstück, weil es uns ohne Reserve gehorcht – und es ist weniger für uns, als irgend eines, weil ihm jeglicher Inhalt fehlt, der über die bloße Form des Besitzes hinaus aneigenbar wäre” (ebd.: 437). Mit den heutigen technischen Möglichkeiten könnte das Geld als fassbares Objekt problemlos ganz verschwinden und durch “elektronisches Geld“, welches nur noch als Zahl auf dem Bildschirm steht, ersetzt werden.

Das Geld ist ein vergesitigtes Objekt, in das jeder hineingeben kann was er möchte. Es gehorcht dem subjektiven Willen. Man sieht im Geld, was man sehen möchte. An der Börse zeigt sich diese psychologische Bedeutung (vgl. ebd.: 437ff.). Spekulationsblasen entstehen, weil eine ausreichend große Anzahl an Menschen ihr Vertrauen und ihren Glauben in das Geld legen. Sie glauben, dass Immobilienpreise steigen werden und drücken dies durch Geldzahlungen aus. So lange alle daran glauben wird sich diese Hoffnung im Geld widerspiegeln. Sobald sich ein Zweifler unter sie mischt, verschwindet die Hoffnung und der Anleger und das Geld wird scheu und verschwindet. In einer heftigen emotionalen Reaktion stirbt die Hoffnung und zerplatz die Blase.

Nicht aufs Geld schauen müssen

Erst das Geld ermöglicht die Entstehung von Berufen, die der der sie ausübt auch mit Leidenschaft ausführen muss. Während in einfacheren Berufen der Geldgewinn aus der Arbeit als Erfolgsfaktor ausreicht, müssen Lehrer oder Künstler darauf hoffen unmittelbar erfolgreich mit ihrer Tätigkeit zu sein. Sie müssen sich nicht mit dem einfachen Geldgewinn zufrieden geben. Aber “sie müssen das damit bezahlen, dass über den Wert ihres Tuns jetzt nur ein einziger Erfolg entscheidet, bei dessen Verfehlen sie nicht den wie auch geringen Trost haben, dass wenigstens ein greifbarer Nebenerfolg geglückt ist” (ebd.: 417). Der Beruf wird durch eine gute Ausstattung mit finanziellen Mitteln schon mehr an die Persönlichkeit gekettet. Misserfolg ist dann persönlicher Misserfolg. Man wird als Person herabgesetzt und ist vom Erfolg abhängig. Mit dem Beginn des Ruhestandes endet diese Abhängigkeit nicht, sie findet nur keine Erfüllung mehr. Deshalb ist die kommende Rente für jemanden, der ohnehin nicht das Geld im Sinne hat nur ein Menetekel das stets drohend über dem Handeln schwebt.

Die Verbindung von Beruf und Person ist demnach keine Erscheinung der letzten Jahre, die ihren Ausdruck in einer Zunahme an Burnout Diagnosen findet. Geld allein reicht zum persönlichen Erfolgserlebnis nicht aus. Heute wird diese Bindung an den Beruf weniger durch das Geld hergestellt, als viel mehr durch Maßnahmen zur Mitarbeitermotivation, durch Teambuilding, durch eine stärkere persönliche Identifikation mit einem Unternehmen und seinen Zeilen. Durch Leitbilder, durch Wertekommunikation. Selbst wenn man heute “aufs Geld schauen muss” ist man noch nicht befreit davon, zum persönlichen Erfolg gezwungen zu sein.

Das Stadtleben

Das Geld ist einzureihen in eine andauernde Entwicklung der subjektiven Distanzierung des Menschen von der Natur und von den Objekten. Die Entstehung der Naturwissenschaften sollte uns eigentlich den Objekten näher bringen, sie hat uns aber immer weiter von ihnen entfernt. Sie hat immer mehr neue Fragen aufgeworfen und Ungewissheiten produziert. An die Stelle des Mythologien über die Natur ist wenig gesichertes Wissen und sehr viel Nichtwissen getreten. Die Natur liegt uns so fern wie noch nie zu vor. “Gewiss sind schon allein durch Mikroskop und Teleskop unendliche Distanzen zwischen uns und den Dingen überwunden worden; aber sie sind doch für das Bewusstsein erst in dem Augenblick entstanden, in dem es sie auch überwand” (ebd.: 662). Erst diese Distanzierung ermöglichte zum Beispiel das Entstehen von Landschaftsmalerei und einer romantisierten Vorstellung von Natur. Nur durch die Distanz zur Natur ist “ein eigentlich ästhetisches Betrachten ihrer möglich” (ebd.: 666). Wenn wir heute von der Natur schwärmen oder uns bei ihr aufhalten, dann ist sie “ein seelisches Fernbild, das selbst in den Augenblicken körperlicher Nähe wie ein innerlich Unerreichbares, ein nie ganz eingelöstes Versprechen vor uns steht und selbst unsere leidenschaftlichste Hingabe mit einer leisten Abwehr und Fremdheit erwidert” (ebd.).

Eine Distanz zwischen der Natur und dem Subjekt schafft das Geld und seine Neigung dazu, sich nur in der Stadt voll zu entfalten. Das Geld neigt zur Zentralisierung, denn nur an einem Ort wo besonders viele Werte aufeinandertreffen kann es seinen relativistischen Charakter ausspielen und diese Werte zueinander in Beziehung setzen Dies passiert an den Börsen, an den Märkten und den Handelsplätzen in großen Städten. Das entstehen von Städten ist nur durch das Geld möglich. Nur dadurch, dass über die Geldzahlung sicher gestellt wird, dass andere den Wert ihrer Arbeit abgeben, können Menschen auf so engem Raum zusammen leben. Das Geld macht sie unabhängig voneinander und verbindet sie dennoch allesamt. Es vergrößert die Distanz der Beziehungen untereinander. Wenn man nicht möchte, muss man keine Beziehung zu jemandem Eingehen, um eine gewisse Ware oder eine Dienstleistung zu erlangen, denn allein das Geld reicht als Beziehung aus. Es stellt sich zwischen die Menschen und unterbricht den unmittelbaren Kontakt.

Das Buch “Die Philosophie des Geldes” ist lesenswert, da es in beeindruckender Weiße zeigt, wie stark das Leben in der modernen Gesellschaft von der Allgegenwart des Geldes gezeichnet ist. Ohne die Entwicklung eines Zahlungsmittels könnten wir nicht so leben, wie wir heute leben. Unser gesamter Alltag ist nur so möglich, weil es ein verlässliches Zahlungsmittel gibt. Das Buch bricht mit schlichtem kausalen Denken und ordnet die Entstehung sowie die Folgen des Geldes in eine Vielzahl an Wechselwirkungen. Der Lauf der Entwicklung ist kein linearer, sondern ein ständiges hin und her, eine dauernde Auseinandersetzung die auch durch Rückschläge gekennzeichnet ist. Dies ist der Fall, wenn in Kulturen etablierte Zahlungsmittel wie Muscheln verschwinden und in einen einfachen Warentausch degenerieren.

Die Philosophie des Geldes von Georg Simmel, herausgegeben von Daivd P. Frisby und Klaus Christian Köhnke, ist 1989 im Suhrkamp Verlag erschienen und kostet 25€.

Abbildung: Paper money, extreme macro, by Kevin Dooley

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Die Kinder an der Wahlurne

Das Fazit nach der Europawahl am vergangenen Wochenende kann leider nur sehr ambivalent ausfallen. 28 Mitgliedsstaaten haben gewählt und ein allzu großes Muster im Wahlverhalten ist nicht zu identifizieren. Viel zu unterschiedlich sind die Staaten in Europa, um ein klares und eindeutiges Urteil über diese Wahl fällen zu können. Es kann nur der Weg sein, das Positive und das Negative zu nennen.

Besonders negativ fällt mir auf, dass die Europawahl noch mehr denn je als Protestwahl genutzt wurde. In der Vergangenheit etablierte sich bereits die Unart, die Wahl zur Abstrafung nationaler Regierungen zu missbrauchen. Dabei konzentrierten sich dann die Wähler_innen mehr auf die Parteien der Opposition. In Frankreich, Großbritannien und vor allem in Griechenland wurden jedoch nicht unpopuläre Regierungschefs oder Staatsoberhäupter mit einem Denkzettel versehen, sondern es wurden auf eine sehr schlichte Art alle ernstzunehmenden Parteien abgekanzelt. Es wurden ausschließlich Parteien gewählt, die in Opposition zu einem als “etabliert” betrachteten Parteienspektrum stehen. Dieses sollte damit abgestraft werden. Der Unterschied zu früheren Europawahlen ist also, dass nicht nur die Regierungspartei, sondern alle Parteien bestraft werden sollten.

Die Europawahl war also eine Protestwahl. Parteien wurden nicht deswegen gewählt, weil man sich ihren Zielen oder ihren Kandidaten besonders verbunden fühlt, sondern weil sie ein maximales Bestrafungspotential entfalten. Das Problem einer solchen Protestwahl ist, dass sie die Verantwortung die mit der Wahlentscheidung jedes Einzelnen einhergeht bagatellisiert. Wählen dürfen in der Regel Erwachsene, da ihnen die notwendige geistige Reife attestiert wird, eine wohlüberlegte und verantwortungsbewusste Entscheidung zu treffen. Sie sollen mit ihrer Stimme sorgsam umgehen und kritisch beurteilen wem sie diese geben.

Bei Protestwählern scheinen diese Überlegungen ausgeschaltet zu sein. In einem kurz aufleuchtenden Affekt wird eine Gruppierung gewählt, die den persönlichen Emotionen am ehesten entspricht. Es herrscht ein Gefühl von Frustration, Ohnmacht und Überforderung. Eine Protestpartei gewährt diesen Gefühlen ihr Recht gehört zu werden. Der Protestwähler fühlt sich dann besser, im Zweifelsfall sogar ein bisschen frech. Leider ist so eine Protestwahl überhaupt nicht frech, schon gar nicht klug, sondern verantwortungslos. Sie macht den Wähler vor der Wahlurne zum trotzigen Kind, das impulsiv agiert und dabei noch gar nicht genau weiß, was es eigentlich tut und wo die Konsequenzen des eigenen Handelns liegen. Wenn Wähler_innen rechtspopulistische oder rechtsextreme Parteien wählen, nur um “frech” zu wirken, um ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen und um eine Protestwahl zu vollziehen, dann handeln sie grob fahrlässig. Diese Parteien sind nicht nur ein kleineres Problem, nur ein Spaß oder ein kurzes Intermezzo. Sie können sich zu einer echten Gefahr auswachsen. Sie sind eine Bedrohung für viele Menschen die hier leben.

Überhaupt von eine_r Protestwähler_in zu reden ist eine Verharmlosung, die die Ausmaße des Problems verniedlicht. In diesem Sinne gibt es keine echte Protestwahl, denn jede Stimme hat echte Auswirkungen im Europäischen Parlament und konkrete Folgen für viele Menschen. Das Label “Protestwahl” ist eine Ausrede, eine Chiffre für infantiles, unreifes und irrationales Verhalten bei Wahlen.

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Zirkuläre Wahnvorstellungen

Landschaft in Bayern, Europa

Ein Hof in Bayern, Europa

Ich erinnere mich noch recht gut an die erste Wahl zum Europäischen Parlament die ich überhaupt wahrgenommen habe. Es war die Europawahl 1999. Damals war ich acht oder neun Jahre alt. Ich interessierte mich schon relativ früh für Politik, so dass ich schon wusste, dass nun diese Wahl stattfinden wird und dass es dabei um Europa gehen wird. Aus dem Weltatlas meiner Mutter wusste ich, dass Deutschland ein sehr kleines Land ist und Europa insgesamt Deutschland bei weitem übersteigt. Daraus schloss ich, dass Europa wesentlich wichtiger sein müsste als Deutschland und dass es letztlich auch Europa sein muss, was in letzter Konsequenz zu entscheiden hat und dem gegenüber die nationalen Regierungen zurückstecken müssten. Für mich war völlig logisch, dass die Europawahl daher auch wesentlich wichtiger für uns sein müsste als die Bundestagswahl 1998. Um so irritierter war ich dann als ich feststellte, dass weder meine Eltern, noch die Medien der EU-Wahl irgendeine größere Aufmerksamkeit zu teil werden ließen. Man ging zwar zur Wahl, aber nur aus Pflichtbewusstsein. Wenn ich mich so zurückerinnere, dann habe ich das wirklich nicht erwartet und nicht verstanden. Wie konnte man nur so ignorant sein?

Heute, 15 Jahre später weiß ich natürlich, dass es durchaus berechtigt war, diese Wahl eher als nebensächlich zu betrachten. Das EU-Parlament war zu dieser Zeit noch relativ schwach und die EU insgesamt wesentlich weiter von all unseren alltäglichen Problemen entfernt als dies heute der Fall ist. Es gab damals noch keinen Euro, unterschiedliche EU-Richtlinien und Verordnungen waren nicht unbedingt Gegenstand öffentlicher Diskussionen. Es war verständlich, wieso sich nur wenige dafür interessierten. Als Kind wusste ich von diesen Dingen jedoch nicht und nahm einfach naiv an, die geographische Größe einer Struktur wäre entscheidend für ihre Bedeutung in der öffentlichen Wahrnehmung.

Es ist Mai 2014 und die am Sonntag in Deutschland stattfindende Europawahl interessiert mich schon seit mindestens Februar 2013. Dort habe ich an ein paar Projekten mitgearbeitet, die den Menschen die EU näher bringen sollten. 2013 war das Europäische Jahr der Bürgerinnen und Bürger. Dort sollte im Vorfeld der EU-Wahl eine breitere gesellschaftliche Debatte darüber angestoßen werden, was die EU für jede_n Einzelne_n ist, was ihre Ziele sind und wo die Zukunft liegen soll. Damit sollte man dann gestärkt in die Europawahl im nächsten Jahr gehen können. Ob diese Bürgerdialoge nun viel erreicht haben oder nicht mag ich nicht einzuschätzen. Im Zweifelsfall haben sie eher weniger gebracht. Aber der gute Wille wurde gezeigt.

Denn es gibt Menschen, die kann man argumentativ nicht erreichen. Das sind diese Menschen, die fernsehen und die Serie “Um Himmels Willen” einschalten und die direkt darauffolgende Wahlarena mit den Spitzenkandidaten der EVP und der SPE abschalten. Sie interessieren sich überhaupt nicht für Europa und es gibt auch keine Möglichkeit daran etwas zu ändern. Wenn sie Nachrichten aus Europa wahrnehmen, dann nur die über Duschköpfe, Staubsauger und Gurken. Dann schlagen sie die geballte Faust auf den Tisch und sagen “Ich habe doch Recht! Immer diese Bürokraten”. Traurig wird es, wenn die Spitzenkandidaten der europäischen Fraktionen dann wieder anfangen von Duschköpfen, Staubsaugern und Gurken zu reden. Jedes mal, wenn sie das tun, dann haut wieder jemand mit der Faust auf den Tisch und schimpft über die “Brüsseler Bürokraten” (oder Eurokraten). Was dann im Einzelnen dazu gesagt wird, interessiert niemanden. Es will niemand wissen. Duschkopf, Staubsauger, Gurke! Das Reicht.

Das ist sehr schade, aber es wäre falsch dieses Desinteresse irgendjemandem direkt übel zu nehmen, denn sich mit Politik zu beschäftigen ist überaus zeitaufwändig und voraussetzungsreich.

Der Kindersekt unter den Argumentationshilfen

Für die Älteren und die anderen europaskeptisch eingestellten Menschen reicht das schon, sich nicht mehr weiter mit der EU zu beschäftigen. Die Jüngeren oder die Sympathisanten einer europäischen Idee machen dann den Fehler, und versuchen gegen (scheinbar) absurde Richtlinien “Brüsseler Bürokraten” zu argumentieren. Es ist aber nutzlos, denn sobald der Sinn einer Richtlinie erklärt ist wird eine neue angebliche Richtlinie aus dem Hut gezaubert und – tadaa – “Was sagst du nun? Das ist doch Unsinn!”. Schade auch, dass die Spitzenkandidaten der Fraktionen des Europäischen Parlaments diese – für viele Menschen zu Sinnbildern für die EU gewordene, denen der Staubsauger ohne Saugkraft Nachts um vier in ihren schlimmsten Träumen viel zu langsam krumme Gurken aufsaugt – Richtlinien aufgreifen und damit den unheilvollen Zirkel der Wahnvorstellungen wieder ein Stück weiter drehen. Das ist leider nicht hilfreich. Die Richtlinie zu den Duschköpfen ist der Kindersekt unter den Argumentationshilfen.

Ein anderes Problem für die Jüngeren oder mehr europapositiv eingestellten beschreibt der Soziologe Armin Nassehi sehr treffend: Das vermeintliche Demokratiedefizit ist für ihn ein Kommunikationsproblem. Er kritisiert, dass es im Europäischen Parlament keine klar abgrenzbare Regierung und Opposition gibt. Dies hat Folgen: Bei Wahlen kann keine Regierung abgewählt werden und es gibt keine Opposition, die ihren Platz einnehmen könnte. Eine Wahl stellt keine klare Zäsur dar, sondern eher einen sehr langsamen und fließenden Übergang. Dies lässt die Wirkung der Wahl verblassen und sie als unwichtig erscheinen. Für Nassehi ist die politische Kommunikation in Europa gerade durch diesen Mangel nur schwer erkennbar, wodurch Europa als abstrakt und defizitär erscheint. Übrig bleiben dann kleinste Splitter politischer Kommunikation wie die besagten Duschköpfe, die zwar unterkomplex aber anschlussfähig sind. Die einzige Opposition die sich bislang zeigt ist eine Opposition gegen Europa aber nicht innerhalb Europas. Rechtspopulistische und nationalistische Parteien, wie das in Deutschland die AfD ist, gerieren sich als “Alternative” oder als Opposition, ohne sich dabei jedoch eine europäische Alternative anzubieten, sondern eine reine Verweigerungshaltung einzunehmen. Dies ist völlig destruktiv. Was die Abgeordneten der AfD für ihre Zeit im Europäischen Parlament geplant haben bleibt abzuwarten, sind sie doch als einzelne Abgeordnete isoliert und handlungsunfähig.

Ungewohnte Konstellation

Dieses Bild der nicht sichtbaren Opposition wurde einem bei den Duellen der Spitzenkandidaten der Fraktionen im Europäischen Parlament immer wieder vorgeführt. Gerade zwischen Jean-Claude Juncker und Martin Schulz waren die inhaltlichen Differenzen kaum erkennbar. Die Idee, Spitzenkandidat_innen vor der Wahl zu benennen war sicherlich keine schlechte. Sie hat erkennbar mehr Medienaufmerksamkeit an das Thema gebunden. Die wahlkämpfenden Gesichter der Fraktionen waren meiner Meinung nach insgesamt qualifiziert und hatten bereits einen hohen Bekanntheitsgrad. Aber besonders bei den Duellen zeigte sich die große Ähnlichkeit der Kandidat_innen untereinander und, dass diese neue Konstellation für die Akteure noch ungewohnt ist. Die Verengung einer Wahlentscheidung auf eine Person ist auf europäischer Ebene noch völliges Neuland und erscheint mit der Komplexität der EU inkompatibel zu sein. Aber offenbar funktioniert sie ein wenig.

Die Frage, wen ich wählen soll ist natürlich – wie das bei jeder Wahl nun mal so ist – schwierig. Bei der vergangenen Europawahl 2009 wählte ich die Piratenpartei. Wir erinnern uns zurück, 2009, das war das Jahr des Zugangserschwerungsgesetz, was bei so ziemlich jede_r Bewohner_in des Netzes zu steigendem Blutdruck führte. Die Piratenpartei war damals für sehr viele Menschen noch sehr neu, sehr unverbraucht, denn sie war zu dieser Zeit in Deutschland in keinem Landesparlament und hat bis dahin noch nicht ernstzunehmend an einem Wahlkampf teilgenommen. Fünf Jahre später ist sehr viel passiert und es gibt gewisse Erfahrungswerte mit dieser Partei. Seit nunmehr über einem halben Jahr meide ich die Partei ganz. Ohne nun zu sehr ins Detail gehen zu wollen liegt das vor allem am Auftreten vieler Pirat_innen gegenüber gesellschaftlich progressiven Themen, an der mangelnden Abgrenzung zu verschiedenen nationalistischen Tendenzen und an einem virulenten Strukturkonservatismus, der die Partei lähmt. Solidarität scheint für viele Pirat_innen bestenfalls ein Fremdwort, schlimmstenfalls ein Schimpfwort zu sein.

Einzig positiv aufgefallen ist mir in den letzten Monaten die Spitzenkandidatin für die Europawahl Julia Reda, die – ganz im Gegensatz zu dem was man von der Piratenpartei in letzter Zeit gewohnt ist – ernsthaft Wahlkampf macht, interessante Forderungen zur Debatte stellt und dadurch wählbar erscheint. Zwar bekleckern sich andere Pirat_innen im Wahlkampf wiederum weniger mit Ruhm, zum Beispiel in dem sie zu einer skurrilen Edward Snowden Heldenverehrung ansetzen, aber diese Leute stehen am Sonntag nicht zur Wahl (teilweise leider doch). Deshalb werde ich wohl trotzdem wieder die Piratenpartei wählen, weil sie in der Europawahl von einer jungen, sympathischen und progressiven Spitzenkandidatin angeführt wird. Das ist der Teil der Piratenpartei, den ich nach wie vor gut finde. Er soll nicht unter den kindischen Verfehlungen der anderen Teile leiden müssen.

Zwar kann ich auch dem Spitzenkandidaten der SPE Martin Schulz durchaus etwas abgewinnen. Er ist zwar ein Deutscher, wirkt aber nicht so sehr provinziell wie die meisten deutschen Politiker_innen. Er ist ein überzeugter Europäer und das kann er sehr glaubhaft darstellen. Und in der Vergangenheit ist er mir auch als jemand aufgefallen, der eine eigene, durchdachte Meinung hat und diese auch deutlich zum Ausdruck bringt. Also quasi die Antithese zu Vorständen der Piratenpartei. Aber ich schweife ab…

Was aus den Spitzenkandidat_innen der Fraktionen am Ende werden wird ist eine spannende Frage. Es gibt tatsächlich keinen Automatismus oder ein geregeltes Verfahren, welches garantieren könnte, dass ein_e Präsident_in der Europäischen Kommission aus dem Parlament kommen muss. Ob weder Martin Schulz oder Jean-Claude Juncker Kommissionspräsidenten werden bleibt spannend. Es wird sicherlich interessant zu sehen, was dann nach der Wahl passieren wird. Ob man sich traut, die im Vorfeld zur Wahl vollmundig gemachten Versprechen zu hintergehen oder ob man sich ausreichend daran gebunden fühlt und sich doch dazu durchringen kann, mit einem der beiden das höchste Amt der Europäischen Kommission zu besetzen.

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Interessante Zeit

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Schon ziemlich lange verfolge ich das politische Geschehen in Deutschland und auch im internationalen Raum. Aber noch niemals hatte ich den Eindruck in solch einer hochinteressanten Zeit zu leben. Noch nie fühlten sich die unterschiedlichen politischen Lagen der Welt so brisant und ungewiss an wie heute. Wir leben wirklich in sehr spannenden und interessanten Zeiten in denen so viel im Umbruch ist und in denen so wenig sicher zu sein scheint.

Die Ukraine befindet sich, oder befand sich hoffentlich, am Vorabend eines Bürgerkrieges, der immer dann ausbricht, wenn staatliche Strukturen unsicher werden oder ganz zerbrechen. Die Ukraine scheint in teilen ein gescheiterter oder zumindest fragiler Staat zu sein, der nicht mehr die volle Kontrolle über sein Terretorium ausüben kann. Konkurrierende Mächte haben die Lage weitgehend im Griff. Die einzige Möglichkeit diese angespannte Situation wieder aufzulösen wird sein, die neuen Machthaber am politischen System zu beteiligen, um sie so zu integrieren und zur Ordnung zu zwingen. Einmal verloren gegangene staatliche Kontrolle wieder zurück zu holen ist ein Unterfangen von unglaublicher Größe und eigentlich nicht zu bewältigen. Einmal in die Freiheit des Privateigentums entlassene Besitztümer des Staates lassen sich kaum wieder zurück in die Hierarchie integrieren. Eine erst einmal weggegebene Vormachtstellung in einer bestimmten Region bleibt nicht nur erst einmal weggeben, sondern sie bleibt wahrscheinlich für immer verloren. Irgendwie muss mit der Situation umgegangen werden, alle Beteiligten müssen versuchen das Beste für sich daraus zu machen. Interessante Zeiten also.

In der Türkei verschärft sich die Spaltung der Gesellschaft ebenfalls immer mehr. Ein Gespräch mit einem Freund aus Istanbul brachte dies zum Ausdruck: Die Türkei befindet sich zwischen allen Stühlen. Einerseits ein enormes Wirtschaftswachstum, von dem andererseits nur wenige profitieren und die bereite Bevölkerung von den steigenden Preise erdrückt wird. Prosperierende Industrienation in den Städten und armes Entwicklungsland in den ländlichen Regionen Ostanatoliens. Einerseits der Wille sich mehr dem Westen anzunähern, um von diesem dann Ablehnung zu erfahren. Soziale Entwicklung in Richtung einer freien westlichen Gesellschaft und dann doch wieder der Rückzug zu autoritären Strukturen und zu religiösem Fundamentalismus. Auf Distanz zum Westen, aber gleichzeitig entfremdet von der arabischen Welt. Dieses hin und her führt zu einem unerträglichen Stillstand in einer einsamen Zwischenwelt in der die einzige Hoffnung auf einem starken, autoritären Führer liegt oder in der Abschaffung des selbigen. Auch hier: Sehr interessante Zeiten!

Ohnehin: Eine mit Atomwaffen ausgerüstete multipolare Welt wurde von der Menschheit so noch nie ausprobiert. Es sind alles hochinteressante Experimente, deren Ausgang völlig offen ist und deren Ende bislang nicht absehbar ist. Wie gesagt: Sehr spannende Zeiten und ein wirklich denkbar ungünstiger Zeitpunkt, sich nicht für Politik zu interessieren. Für viele ist es jedoch das Gegenteil. Sie sind von einem Gefühl der verschwindenden Sicherheiten verängstigt und ziehen sich in die Innerlichkeit, in die Vergangenheit und in den Konservatismus zurück.

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Ein politisches Projekt

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Politische Projekte wollen die Gesellschaft verändern und versuchen sich, die wirklich schwierigen Probleme zu lösen. Sie versuchen, ein bestimmtes Ziel durchzusetzen. Das Ziel muss dabei so spezifisch wie möglich sein, um umsetzbar zu sein. Die Mittel müssen schon vorhanden sein und nur noch richtig gelegt werden.

Der Blick auf das Ziel wird dabei extrem verengt. Alle anderen Umwelteinflüsse werden beiseite gelassen und ignoriert. Jede Irritation von Außen muss unbemerkt bleiben, denn sie würde die Kohäsion der Gruppe die sich auf ihr Ziel richtet zerbrechen lassen. Die Augen müssen zu ganz engen Schlitzen werden, so dass fast nichts mehr sichtbar ist. Lediglich ob das Ziel erreicht wurde oder nicht muss erkennbar bleiben. Kritik an dem Projekt und seinen Prioritäten ist eine Irritation. Sie destabilisiert das Projekt. Sie öffnet die Augen einen Spalt und die Gefahr ist zu groß, dass sie einen Spalt zu weit geöffnet werden. Das reine, grelle Licht des Außen zerstört das Sehorgan und macht blind, desorientiert und das Projekt fällt in sich zusammen.

During one of the first American expeditions to the moon, a careless astronaut pointed his camera at the sun, which immediately burned out its cells. The camera cannot tolerate the source of purity of what it it’s only raison d’être is to capture and relay (Bennington, Geoffrey 1992: Derrida, S. 137f.).

Politische Projekte sehnen sich nach Stabilität. Sie müssen sie nach Außen darstellen, um wirksam zu sein. Wirksam, in dem Sinne dass sie ihre Ziele durchsetzen und einen sozialen Wandel herbeiführen. Sie müssen in dem Meer aus möglichen politischen Alternativen eine auswählen und sie als Entscheidung darstellen. Genau deshalb ist nur dann etwas alternativlos, weil es zu viele Alternativen gibt, weil die Unsicherheit zu groß, weil das Licht zu grell scheint und jeden Sinn für die Richtung nimmt. Alles weitere jenseits des als Entscheidung dargestellte politische Ziel muss abgeblendet werden. Dies ist der Preis der zu bezahlen ist, wenn gesellschaftlicher Wandel vollzogen werden soll.

Der Wandel der dafür zu haben ist bleibt immer mikroskopisch klein und elend. Aber er ist das beste was man kriegen kann. Gerade deswegen muss das kritische Denken weitergehen. Gerade deswegen ist es nicht nur Nörgelei, sondern es verweist auf all das, was (noch) nicht erreicht wurde und wo die Aufgabe in einer möglichen Zukunft liegen könnte. Solange, bis es irgendwann durch den schmalen Spalt durchdringt und selbst zu einem politischen Projekt wird.

Wer Aktivismus für eine Sache betreibt muss unglaublich ausdauernd sein und ständig gegen das Ausblenden des eigenen Interesses ankämpfen. Es ist eine andauernde Auseinandersetzung darum, welche Interessen nach vorne gestellt werden und welche erst einmal hinten anstehen müssen. Schließlich sind aber alle nur Aktivist_innen für ihre Sache und es bleibt die Hoffnung, dass jede_r in diesem Wechselspiel irgendwann den richtigen Zeitpunkt findet und zum Zuge kommt.

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Hard Problems

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Mit ziemlich genau einer Woche Verspätung kommen wir nun zu meinem Lieblingsthema, um das es hier schon öfter ging und über das ich eigentlich gar nichts mehr sagen möchte, es aber trotzdem muss, da es so exemplarisch dafür ist, was im Netz häufig missverstanden wird: Vor genau einer Woche veröffentlichte Dalton Caldwell einen Blogpost zur State of the Union bei App.net. Von dessen Inhalt sollte eigentlich niemand überrascht sein. App.net wird zwar als Dienst weiter am Leben gehalten, es wird jedoch keine bezahlten Mitarbeiter mehr geben. Die Einnahmen aus den Abonnements der Benutzer_innen waren offenbar zu gering. Zwar möchte man mit Vertragspartnern noch etwas an der Weiterentwicklung arbeiten, doch allzuviel würde ich mir davon nicht versprechen. Es beginnt nun ein Abwicklungsprozess, wie man ihn von anderen Produkten dieser Art bereits kennt: Das Projekt wird Open Source und soll von der Community getragen werden. Offenbar ist es so nicht möglich gewesen, ein soziales Netzwerk zu konstruieren, welches sich ausschließlich aus Beiträgen von Nutzer_innen finanziert.

Vor allem die Entscheidung direkt ausschließlich mit bezahlten Benutzerkonten zu starten war ein großer Fehler. Sie hielt sehr viele Menschen davon ab sich bei App.net anzumelden. Mich auch. Ich möchte nicht ein so hohes Eintrittsgeld für einen Dienst von noch sehr zweifelhaftem Nutzen bezahlen. Zwar kamen später kostenlose Benutzerkonten hinzu, aber zu diesem Zeitpunkt war es eigentlich schon zu spät. Die App.net-Öffentlichkeit war bereits konstituiert. Es war nun der viel beschworene “Country-Club”, der Golf-Club der Internetgemeinde. Und wie es eben mit den Golf-, Segel- und Polo-Clubs so ist: Nicht jede_r möchte dort hin, fühlt sich dort aufgehoben oder akzeptiert.

Ein weiteres Problem war für mich, dass App.net im Prinzip dasselbe an Funktionalität bietet wie Twitter, jedoch etwas kostet. Es wäre strategisch günstiger gewesen die Grundfunktionalität umsonst zur Verfügung zu stellen und alles weitergehende dann gegen einen kleinen Beitrag anzubieten. An der Kommunikation der Plattform hätte so jede_r teilhaben können, unabhängig vom Einkommen. Wer dann etwas mehr Speicher möchte und noch mehr mit seinem App.net Account anstellen will, der hätte dann etwas Geld eingeworfen und wäre so glücklich geworden.

Aber nein! Damals, als App.net an den Start ging waren alle sehr beseelt von der “If you are not paying for the product, you are the product”-Attitüde. Alles, was nichts kostet, ist auch nichts. Auf den ersten Blick wirken solche Sprüche unheimlich stimmig und es fühlt sich sicherlich wahnsinnig richtig an, solch ein Projekt zu unterstützen um damit Teil einer Bewegung zu werden. Aber dieser Pathos war gleichzeitig das Problem: Wer derart beladen mit dem Gefühl, das Richtige zu tun ist, verliert völlig aus dem Blick, wo das Konzept seine Schwächen hat und wo die Strategie leer läuft. Hätten sich die Gründer frühzeitig auch kritisch mit dieser ihrer eigenen Haltung auseinandergesetzt, dann hätten sie darauf kommen können, dass der Country-Club kein Erfolgsmodell wird.

Dass es zu einer starken sozialen Homogenität auf App.net kommen würde hätte man wissen können, wenn man es gewollt hätte. Dass diese Homogenität für Außenstehende abweißend und letztlich schlicht langweilig ist, auch das hätte man wissen können. Dass eine Plattform, auf der vorwiegend Techiker_innen, Informatiker_innen oder sonst irgendwie internetaffine Menschen sich aufhalten und austauschen, nach außen hin nicht sonderlich einladend ist und jenseits der Kernzielgruppe niemanden motiviert dort teilzunehmen, das hätte man wissen können. Aber man wollte das alles nicht wissen und hat es daher viel zu lange versäumt mehr Diversität in das Netzwerk einzubringen. Für mich ist App.net an seiner krassen sozialen Selektivität und daraus resultierenden Homosozialität gescheitert. Für Menschen, die mit Personen außerhalb einer gewissen Szene in Kontakt bleiben möchten war App.net der langweiligste Ort den man sich vorstellen kann.

Dies zeigt auch, wie egal es letztlich ist, welche Technik hinter einem Service steht, wie seine API beschaffen ist und wie dieser Dienst sein Geld verdient. Am Ende kommt es immer auf die Menschen an, die sich dort tummeln. Es sollten möglichst viele von ihnen dort sein, und sie sollten so verschieden wie nur irgendwie möglich sein, ansonsten hilft die beste API und das ausgefeilteste Geschäftsmodell nicht.

Das Ende von App.net (ganz zu Ende ist es ja noch nicht) ist aber so beispielhaft dafür, was häufig schief läuft, wenn ausschließlich technisch interessierte Menschen versuchen an sozialen und politischen Problemen herumzudoktern. Ich bin selbst jemand, der technisch sehr interessiert ist und halte es auch für unabdingbar sich mit Technologie auseinanderzusetzen. Aber jedes Mal, wenn Verschlüsselung von E-Mails als Lösung gegen den Überwachungswahn der Geheimdienste ins Feld geführt wird, dann haben wir hier wieder so einen App.net-Moment. Auch hier kann man wissen, dass die große Mehrheit der Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen ihre E-Mails nicht verschlüsseln werden. Man kann wissen, dass für viele die Opportunitätskosten einfach zu hoch sind, dass manche es auch einfach nicht können werden und dass Geheimdienste natürlich daran arbeiten werden, Verschlüsselungstechnologien einfacher umgehen zu können. Man kann auch wissen, dass es sich beim Überwachungswahn um ein größeres gesellschaftliches Phänomen und ein politisches Problem handelt, welches uns mit kleineren Ausläufern schon seit vielen Jahren beschäftigt, was mit Verschlüsselungstechnologien aber nur noch mittelbar etwas zu tun hat.

Um am Ende nicht wieder ernüchtert und frustriert dazustehen sollte der großen Enttäuschung vorgebeugt werden. Deshalb sollte man diese Dinge wissen und zumindest versuchen sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Technische Probleme sind die “soft Problems”, soziale Probleme die “hard Problems”, denn es kommt auf die Menschen an, die die Technik nutzen und die sehr verschieden in ihren Interessen und ihren Fähigkeiten sind.

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